Die Gefahr hinter Gefängnismauern
Justizvollzugsanstalten im Osten sind
voll / Neue Cottbuser Haftanstalt entschärft Situation in Brandenburg
Die Gefängnisse
in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind voll, die Gefangenenzahlen
sind sprunghaft angestiegen. Die Lage ist angespannt, es kommt zu
Gewalttaten. Im thüringischen Ichtershausen geschah gar ein Mord hinter
Gittern. Drei Jugendliche stehen deshalb gegenwärtig vor einem
Jugendschöffengericht. Inzwischen warnt der Bund der
Strafvollzugsbediensteten (BSBD) vor einer dramatischen Situation in
deutschen Gefängnissen, die sogar die Gefahr von Revolten in sich berge.
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Die
neue Justizvollzugsanstalt Cottbus ist mit ihren über 600 Haftplätzen
das zweitgrößte Gefängnis im Land Brandenburg |
VON WOLFGANG SWAT
In
Cottbus-Dissenchen verfügt das Land Brandenburg seit Frühjahr dieses Jahres
über die zweitgrößte und modernste Justizvollzugsanstalt (JVA) des Landes.
Für fast 80 Millionen Euro erbaut, werden die über 600 Haftplätze unter der
Bevölkerung als „Luxusknast mit Einzelzimmern“ gehandelt: Für Experten wie
Willi Köbke, den brandenburgischen Landesvorsitzenden des BSBD, war der
Neubau zwingend notwendig, „weil sich die Lage dadurch etwas entspannte“;
Zudem wird die Cottbuser Haftanstalt einem Urteil des
Bundesverfassungsgerichtes gerecht, wonach jeder Häftling einen Anspruch auf
eine Einzelzelle hat.
Zahl der
Gefangenen gestiegen
Diese Lage ist
geprägt durch einen sprunghaften Anstieg der Zahl der Gefangenen in
Ostdeutschland: In Brandenburg wuchs die Zahl der Inhaftierten von rund 1500
im Jahre 1994 auf mehr als 2400 im vergangenen Jahr: In Sachsen-Anhalt gab
es einen nahezu explosionsartigen Anstieg von 500 im Jahre 1991 auf aktuell
mehr als 2800 Gefangene. In Sachsen sitzen fast 4700 Frauen und Männer
hinter Gittern, 1991 waren es nur 935. Die nach der Wende durch eine
umfassende Amnestie fast leer geräumten Haftanstalten haben sich wieder
gefüllt.
Dass es in
Brandenburg, Sachsen und mit Abstrichen in Sachsen-Anhalt im Gegensatz zu
Hessen, Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen zumindest laut
Statistik keine permanent überbelegten Haftanstalten gibt, ist einem
immensen Kraftakt im zurückliegenden Jahrzehnt für Neubau und Modernisierung
zu verdanken: Nach Abschluss des Bau- und Sanierungsprogramms im Jahre 2010
wird Brandenburg über 340 Millionen Euro in neue und sichere Haftanstalten
gesteckt haben. Sachsen-Anhalt hat bisher rund 164 Millionen Euro
aufgebracht, Sachsen in den vergangenen elf Jahren 269 Millionen Euro. Bei
einer Auslastung von 92 Prozent in Brandenburg und 95 Prozent in Sachsen
ist eine strategische Reserve an Haftplätzen dennoch kaum vorhanden, In
Sachsen-Anhalt sind die Anstalten bereits überbelegt. Wolfgang Jänicke,
BSBD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt, spricht dann auch von einer
„Statistik, die täuscht“. Während Plätze im Haftkrankenhaus, in Abteilungen
des offenen Vollzuges und in Frauenhaftanstalten nicht ausgelastet seien,
wären die Haftplätze für Männer im geschlossenen Vollzug ständig
überbelegt. „In Hafträumen, die mit vier bis sechs oft gewaltbereiten
Gefangenen belegt sind, reicht der kleinste Anlass für schwere
Zwischenfälle“, so Jänicke. Vor allem bei inhaftierten jugendlichen
Straftätern sei eine Hemmschwelle für Gewalt so gut wie nicht mehr
vorhanden. „Wer heute in diesem Alter eingesperrt wird, ist doch in aller
Regel uneinsichtig“, sieht Wolfgang Jänicke a1s Ursache.
Sein Kollege
Friedrich Krämer aus Sachsen bescheinigt der Regierung des Freistaates, dass
sie in den vergangenen Jahren „weitsichtig gehandelt hat“. Die Gefängnisse
seien in einem Top-Zustand, sagt er. Im sächsischen Justizministerium sieht
man allerdings noch erheblichen Sanierungsbedarf beispielsweise in den JVA
Bautzen, Görlitz und Torgau, zumal diese zum Teil mehr Häftlinge als Plätze
haben. Die JVA Bautzen ist beispielsweise mit 21 Prozent überbelegt, die in
Torgau mit 14 Prozent.
Explosive
Lage
Wolfgang Schröder,
Vorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, beklagt „ganz
erhebliche Probleme in den Anstalten durch immense Überbelegungen“.
Grundsätzlich seien sie auch in den neuen Bundesländern vorhanden, schätzt
er ein. Bundesweit sitzen nach BSBD-Angaben im Durchschnitt 30 Prozent mehr
Häftlinge in Gefängniszellen, a1s Räume und Personal hergeben. „Sind
Haftanstalten über 85 Prozent ausgelastet, bringt das schon erhebliche
Schwierigkeiten mit sich, beispielsweise um Streithähne zu trennen oder
Disziplinarmaßnahmen wie Freizeitarrest oder Fernsehverbot durchzusetzen“,
erklärt Wolfgang Schröder im RUNDSCHAU-Gespräch. „Je enger ich die Leute
zusammenpferche, um so höher ist die Gefahr, dass es explodiert“, skizziert
er die Gefahr von Revolten in deutschen Gefängnissen.
BSBD-Landeschef
Willi Köbke bestätigt die „explosive Lage“ durchaus auch für Brandenburg,
zumal die „Einsitzenden sehr viel aggressiver“ seien als noch vor Jahren.
Die deutliche Erhöhung der Sicherheit der Haftanstalten nach außen verstärke
zudem den Druck nach innen, auf die Bediensteten. Hinzu komme, dass nur etwa
jeder zweite Strafgefangene Arbeit habe. Derzeit sei die personelle
Ausstattung in den sieben Haft- und der Jugendarrestanstalt in Brandenburg
noch ausreichend, ein Personalabbau etwa aus Kostengründen aber nicht
hinnehmbar, schätzt Köbke ein: „Jeder Einzelne ist stark beansprucht. Es
bleibt schon jetzt verdammt wenig Zeit für die Betreuung der Gefangenen",
stellt er fest.
Wolfgang Jänicke vom
BSBD in Sachsen-Anhalt bekräftigt: „Es kann nicht sein, dass den
Bediensteten Überbelegung, Personalverknappung und fehlende
Beförderungschancen zugemutet werden, gleichzeitig aber die volle Umsetzung
des Strafvollzugsgesetzes gefordert wird.“ BSBD-Chef Wolfgang Schröder
glaubt, dass das vorhandene Personal gerade noch ausreicht, um die
„Inhaftierten mehr oder weniger sicher zu verwahren“. An Behandlungsvollzug
sei vielfach kaum noch zu denken. „Ein wenig Sport, ein paar Bastel-,
Gesprächs- und sonstige Gruppen reichen hier zu nicht aus“, so Schröder.
Die Folge ist nicht
zuletzt Kriminalität im Knast. Die Gefangenen seien weitgehend sich selbst
überlassen, was die Bildung subkultureller Strukturen begünstige und die
Sicherheit des Vollzuges erheblich beinträchtige, kritisiert Schröder. Man
dürfe sich dann nicht wundern, dass es innerhalb der Gefängnismauern Gruppen
gebe, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Tobias Pinder, Sprecher der
Staatsanwaltschaft Cottbus, spricht von „einer Reihe von
Ermittlungsverfahren“ gegen Insassen von Haftanstalten in der Region, wobei
die Bandbreite groß sei. Diebstahl, Körperverletzungen, Rauschgifthandel und
-konsum oder sexuelle Nötigung kämen auch hinter Gefängnismauern vor, so
Pinder.
Personal ist
knapp
Vorsichtig drückt
man sich in den Justizministerien bei Fragen zur Personalstärke aus. In
Sachsen-Anhalt ist eine Personalaufstockung nicht vorgesehen, sagt
Ministeriumssprecherin Susanne Hofmeister. Wie auch, wo doch der
Finanzminister angesichts leerer Landkassen schon mal laut über den Abbau
von 600 Stellen und über die Privatisierung des Strafvollzuges nachdachte,
was BSBD-Landeschef Wolfgang Jänicke zu der Bemerkung veranlasste: „Der Mann
weiß nicht, wovon er spricht.“
In Brandenburg
windet sich der Sprecher des Justizministeriums, Rolf Hellmert, mit der
diplomatischen Formulierung heraus, das „unter Maßgabe der
haushaltsrechtlichen Möglichkeiten die Personalausstattung derzeit
ausreicht“. lm Hinblick auf weiter ansteigende Gefangenenzahlen sei
allerdings „eine Personalverstärkung“ sowohl im Vollzugsdienst als auch
Krankenpflegedienst sowie in Fachbereichen zur psychologischen,
sozialpädagogischen und ärztlichen Betreuung „geboten“. Im Hinblick auf die
ab nächstes Jahr geforderte Unterbringung von Sexualstraftätern in
sozialtherapeutischen Abteilungen „ist die Verbesserung der Ausstattung mit
Psychologen und Sozialarbeitern notwendig“, räumt Leon Ross, Sprecher des
Justizministeriums in Sachsen, ein.
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Bild und
Text aus
LAUSITZER
RUNDSCHAU
vom
24.10.2002
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Hintergrund
Die
Lage in den Haftanstalten
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Brandenburg
verfügt über 2534 Haftplätze. Gegenwärtig befinden sich 2280 Männer
und 45 Frauen in den Haftanstalten. 1390 JVA-Angestellte stehen zur
Verfügung. |
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Sachsen
hat 4389 Haftplätze. Sie sind mit 4192 Gefangenen belegt. 2143
Beamte und Angestellte sind in den Haftanstalten beschäftigt. |
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In Sachsen-Anhalt teilen sich 2811 Gefangene
die 2794 Haftplätze. 1397 Bedienstete stehen zur Verfügung. |
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Die
in einem ehemaligen Kloster eingerichtete JVA Luckau mit 78
Haftplätzen ist die einzige Anstalt für weibliche Gefangene
in Brandenburg. Nach dem Bau der neuen Anstalt in Duben mit 330
Haftplätzen für Frauen und Männer wird die JVA Luckau geschlossen. |
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Die Kosten pro Gefangenen und Hafttag liegen
bundesweit im Durchschnitt bei 75 Euro. Darin nicht enthalten sind
Baukosten. |
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