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Die unehrliche Diskussion
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Kommentar
von
Burghard Neumann |
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Fast alle haben
es vergessen! Was gab es für ein Geschrei um die Videoüberwachung von
öffentlichen Plätzen, Bahnhöfen, Bussen u.ä. Jetzt kommt der totale
Überwachungsstaat, hat es getönt.
Wenn sich eben
diese Videoüberwachung nicht durchgesetzt hätte, wüssten wir heute oft
nicht, dass es solch schwere Verbrechen wie die S-und U-Bahn-Prügeleien
überhaupt gegeben hat und wer daran wie beteiligt war. Der Pensionär aus
München würde heute vielleicht noch immer verzweifelt versuchen, der Polizei
zu erklären, dass er nicht einfach einen Schwächeanfall hatte und schwer
gestürzt ist. Warum auch sollte man ihm einen abartigen Sekunden-Überfall
abnehmen?
Ähnlich ist es
mit der Diskussion um härtere Strafen. Es gab ein großes (Wahlkampf-)
Geschrei um und nach und gegen härtere Strafen für kriminelle Jugendliche.
Der BSBD hat sich da klar dagegen positioniert. Alle, die härtere Strafen
geradezu herbeischreien wollen oder wollten, vergessen, dass unabhängige
Richter die Urteile sprechen. Strafen ist auch mit dem jetzigen
Instrumentarium gut möglich, der Ermessensspielraum ist da. Man muss die
Strafmöglichkeiten nur ausschöpfen und aussprechen.
Und dann
natürlich auch weiterdenken, was denn passieren soll, wenn die harten
(langen) Strafen ausgesprochen sind. Da habe ich zumindest für das Land
Brandenburg so meine Zweifel, dass sich diese Mühe gemacht wird! Das ist wie
vormals mit dem Triebtäter-Spektakel – alle freuen sich, wenn die Polizei
sie einfängt, aber niemand interessiert, wie sie die nächsten 15 Jahre
verbringen!
Ich frage mich
wirklich, wie unsere Volksvertreter dem Durchschnitts-Märker erklären, dass
sie brav die Hand heben, wenn Haushalte beschlossen und Stellen gekürzt
werden und justament im nächsten Augenblick fallen sie sich froh über ein
neues Jugendstrafvollzugsgesetz mit mehr und anspruchsvolleren Aufgaben für
den Vollzug buchstäblich in die Arme, klopfen sich ob ihrer soliden
Parlamentarier-Arbeit auf die eigene Schulter. Und weil dem Strafvollzug an
Jugendlichen in Vollzugsanstalten prinzipiell und per se nicht zu trauen und
auch nichts zuzutrauen ist, werden doppelt hohe Beträge für tagespolitisch
angesagte Freie-Träger-Projekte freigeschaufelt. Ich jedenfalls werde sie
quer durch die Parteienlandschaft danach befragen.
Justizministerin Beate Blechinger spricht sich für den „Warnschuss-Arrest“
und gibt zugleich bekannt, dass der Jugendarrest in Königs Wusterhausen oft
nicht halbwegs ausgelastet ist. Eine Bündelung der Kompetenzen am Standort
der Jugendanstalt in Wriezen kann sie aber keine Vorteile abgewinnen. Und
wenn das derzeitige Arrest-Recht sie hindern sollte, dann sind den Ländern
mit der Föderalismus-Reform alle Türen offen, dies zu ändern. Wir reden hier
nicht über den einmaligen Mutproben-Klau im Supermarkt. Hier geht es um
Kriminelle, über die bereits kiloschwere Polizei- und Gerichtsakten
existieren. Das sind die gewalttätigen Serientäter, die den Arrest als
geradezu brauchen und an denen die Berufspolitik in Dienstwagen und mit
Begleitschutz vorbeirauscht.
Freie Träger
und private Initiativen können gut und ergänzend hilfreich sein, aber es
muss Schluss sein mit der Verdammung der Kompetenz der eigenen Leute und der
Unterstützung der Rosinenpickerei Privater in staatlichen Aufgaben. Wer
zahlt denn den Tagessatz für Liepe während im offenen Vollzug selbst das
Schlossgespenst in den Spinnenweben hängenbleibt? Und wie aussagefähig sind
Rückfallangaben freier Träger, wenn die Teilnehmer ihrer Projekte nicht nur
ausgewählt, sondern rußpartikelgefitert sind mit Umtauschrecht! Auch ist die
hohe Fluktuationsrate bei deren Betreuern nicht wirklich damit zu erklären,
dass die nur nach neuen Ufern streben. Eine sinnvolle Ergänzung sind solche
Projekte aber unumwunden immer dann, wenn Vorsorge betrieben wird oder in
der Nachsorge mit Hilfe und Unterstützung die vollzugliche Arbeit
weitergeführt wird.
Ich bin mir
sicher, die Mitglieder des Landtages auf dem Brauhausberg, von Frau Adolph
bis hin zu Herrn Ziel, wollen für Brandenburg nur das Beste. Dazu gehört
größtmögliche Rechtssicherheit und Rechtssicherheit heißt immer auch
Vollzugssicherheit. Wir haben in Brandenburg zwar allgemein einen
Mangel an Jugendlichen, aber wegen ein paar durchgeknallter junger Menschen
kann doch nicht jeder öffentliche Platz ein potentielles no-go-area sein und
Lazarus, mir scheint der aus dem Johannesevangelium passender, ist zwar ein
Schutzpatron aber keine Wunderwaffe.
Insofern habe
ich die Hoffnung, dass sowohl die Mitglieder der Landesregierung als auch
die Parlamentarier sich des merkwürdigen Auftritts bezüglich Strafvollzug,
Haushalt und Jugendvollzugsgesetz bewusst sind und peinliche Diskussionen
unterlassen, denn die sind immer auch unehrlich.
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