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Krisenbewältigung im brandenburgischen Strafvollzug

 

Hilfe von Kollege zu Kollege – professionell und vertraulich

 

Kolleginnen und Kollegen, schon seit 1998 gibt es im Brandenburger Justizvollzug die kollegialen Ansprechpartner. Diese Kollegen stehen ihnen bei der Bewältigung von besonders belastenden Situationen, die sie im dienst erleben mussten,  hilfreich zur Seite.

Sie arbeiten, das liegt in der Natur der Sache, fast ausschließlich im Hintergrund und werden deshalb selten wahrgenommen.

In den vergangenen Jahren gab es deutlich weniger Einsätze der Ansprechpartner, das lag zum einen  daran, dass es weniger belastende Ereignisse im Vollzug gab. Dies ist ein Zeugnis guter Arbeit aller im Vollzug.  Aber andererseits mussten wir auch zur Kenntnis nehmen, dass betroffene Kollegen unser Hilfeangebot ausschlagen. Dies zeugt vielleicht von weniger Vertrauen zu anderen Kollegen. Solche Einschätzungen sind fatal in unserem Dienst. 

Noch zu oft wird Hilfe nicht angenommen, nicht weil die Ereigniskette für sie nicht belastend war, sondern weil die eigene Verarbeitungsstrategie nur aus: „ Ich bin ein Profi, mir macht das nichts aus“,  „ Ich kann das alleine bewältigen!“, „ Über Ängste spricht man nicht, sonst gibt man Schwächen zu!“,   „ Außerdem gehört das ja zum Job, die anderen könnten ja denken, ich habe Angst!“ usw., usw.

Ist das wirklich so einfach?

Ich gehöre auch zu den sogenannten „ Frontlinern“, habe in den ersten Jahren nach der Wende im Vollzug viele belastende Situationen erlebt und überlebt. Haben sie mich verändert? Ganz klar „Ja“, ich leide seit Jahren unter erheblichen Einschlafstörungen, aber ich habe lange nicht mir selbst und schon gar nicht anderen gegenüber  zugegeben,  dass dies etwas mit der Vollzugsarbeit zu tun haben kann. Damit muss ich leben, wie viele meiner Kollegen auch. Aber muss das so sein ?

 

Die Auswertung aus einer Befragung im brandenburgischen Justizvollzug im Jahre 2002 hat ergeben das von ca. 230 auswertbaren Fragebögen aus damals 10 Justizvollzugsanstalten ca. 30 % der Kollegen eine traumatische Situation während ihrer Tätigkeit erlebt hatten. Davon haben 36 Personen eine behandlungsbedürftige posttraumatische Belastungsstörung ausgebildet.

Grund genug, Hilfe anzubieten!

 

Traumatische Erfahrungen sind Erlebnisse, in denen Körper und Seele eines Menschen durch eine Erfahrung von übermächtiger Gewalt bedroht und /oder verletzt wurden.

Wir, die Kollegen des Justizvollzuges, sind immer wieder außergewöhnlichen Belastungen im Dienst ausgesetzt. Und weil alles oft sehr unspektakulär abläuft, unterschätzen wir eben solche Situationen sehr oft.

Die meisten Menschen reagieren auf derartige Belastungen normalerweise mit seelischen oder körperlichen Störungen, die spontan beginnen und oft relativ schnell wieder abflachen oder verschwinden.

 

Diese Reaktionen dauern im Allgemeinen zwei Tage bis etwa vier Wochen und äußern sich in folgenden Symptomen: Das Geschehen „überfällt“ die Betroffenen wieder in Form von sich aufdrängenden Erinnerungen, Albträumen oder „Flashbacks“, Bedrohungsgefühlen, Angstzuständen, Panikattacken, Nervosität, Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit oder eben meinen Schlafstörungen.

 

Das sind normale Reaktionen auf anormale Geschehnisse, die fast alle Menschen zeigen, die solch extremen Erfahrungen ausgesetzt waren.

Es ist wichtig, das sie Sprechen , über das Geschehen, ihre Reaktionen, Gefühle, und Ängste, denn erfahrungsgemäß ist es nicht sinnvoll, die traumatischen Erfahrung „ so schnell wie möglich einfach vergessen „ zu wollen, auch wenn dieser Wunsch verständlich ist.

 

Ein Teil des Teams der Ansprechpartner beim Seminar im Therapiezentrum in Gladenbach)

 

Ziel unserer Arbeit ist es, dass den Kollegen nach einer außerordentlichen Belastung unverzüglich und wirksame Hilfe zur Bewältigung der Situation angeboten werden kann.

Die kollegialen Ansprechpartner bieten Einzelgespräche unmittelbar nach dem Ereignis an, diese Gespräche sind selbstverständlich vertraulich.

Bei Bedarf kann für eine Gruppe ein Debriefing durchgeführt werden. Hierbei handelt es sich nicht um eine psychotherapeutische Behandlung. Es geht auch nicht um eine Bewertung des Ereignisses und nicht um die Bewertung „richtiger“ oder „falscher“ Verhaltensweisen der Betroffenen.

Alle Angebote dienen der Bewältigung von Auswirkungen eines besonders belastenden Ereignisses mit kollegialer Hilfe.

 

Die Namen der Ansprechpartner sind in allen Anstalten eigentlich bekannt oder auch bei mir zu erfahren.

 

 

Johanna Schröder,  Brandenburg a.d.H.