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Mein Standpunkt
„Mitmach - Effekt“
- ein sozialpsychologisches Phänomen, das auch vor einem
Universitätsprofessor nicht Halt macht
Unter der Überschrift: „Mitmach-Effekt“ unter Gefängniswärtern“, versehen
mit dem Untertitel „Psychologe: Situation verleitet zur Gewalt“
veröffentlichte die Märkische Allgemeine (MAZ) am 12.05.2004 einen
Artikel, in dem Prof. Dr. Essler, Psychologieprofessor für den Fachbereich
Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Potsdam, seine
Theorie zur Psyche des „Gefängniswärters“ darlegt.
Er
behauptet, dass der durch Machthierarchie und Gewalt bestimmte Alltag zu
Drangsalierungen der „Häftlinge“ verleite. Insofern bestehe insbesondere
bei „Wärtern“, die außerhalb der Mauern unauffällig seien, die Gefahr,
„dort den starken Mann herauszukehren“. Der Artikel schließt mit der
Schlussfolgerung, dass die Arbeitsstelle „Gefängnis“ bestimmte
Persönlichkeiten anziehe, das Aggressionspotential bei einigen der
Bediensteten der Vollzugsanstalt recht hoch sei. Zum Einsatz der
Bediensteten mit Sturmhauben äußert Prof. Essler, dass das Ausüben der
„Attacken mit Sturmmasken“ zum einen die Angst der Gefangenen zusätzlich
verstärken solle, zum anderen die „Angreifer“ nicht erkannt werden wollen.
Einen „Mitmach-Effekt“ sieht der Professor durch den Umstand gegeben, dass
die Bediensteten in Gruppen auftreten und sich damit der persönlichen
Verantwortung entzögen.
In
Anbetracht der aktuellen Berichterstattung in den Printmedien und im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen über die angeblichen systematischen
Misshandlungen von Gefangenen durch maskierte Rollkommandos muss sich Herr
Prof. Essler fragen lassen, ob er nicht selbst einem „Mitmach-Effekt“
unterliegt, wenn er diese Art der Berichterstattung ohne zu hinterfragen
als gegeben hinnimmt und zum Ausgangspunkt seiner Darlegungen macht. Dem
Standard wissenschaftlichen Arbeitens entspricht es vielmehr, mit einer
sorgfältigen Erhebung von Daten zu beginnen - die Äußerungen hätten
insofern nur noch hypothetischen Wert - um daraus entsprechende
Erkenntnisse zu formulieren.
Herr Professor Essler hat also nicht nur ein durch die Medien gezeichnetes
Bild des tretenden und schlagenden „Gefängniswärters“ bestätigt und somit
einen ganzen Berufsstand diskreditiert - er hat darüber hinaus diesen
Aussagen Gewicht verliehen, indem er sie als Wissenschaftler und
Psychologieprofessor geäußert hat.
Hätte sich Herr Professor Essler eines wissenschaftlichen Vorgehens
bedient und sich in dieser Form tatsächlich mit der Persönlichkeit von
Strafvollzugsbediensteten beschäftigt, wäre ihm sicherlich aufgefallen,
dass bereits bei der Personalauswahl im Rahmen von Bewerberverfahren mit
wissenschaftlich ausgewiesenen Methoden eine sorgfältige Personalauswahl
betrieben wird. Neben der Einstellung zur Thematik Vollzug, dem Umgang mit
Straftätern und der Motivation der Bewerber (bei letzterem spielt das
Bedürfnis nach einem sicheren Arbeitsplatz eine zentrale Rolle) wird durch
den Einsatz von standardisierten Persönlichkeitstests auch die
charakterlichen Eignung jedes Bewerbers überprüft.
Ein
erhöhtes Aggressionspotential lässt sich anhand der Testergebnisse hier
nicht nachweisen!
Analysiert man vorurteilsfrei das Vorgehen der Bediensteten, wenn sie
unmittelbaren Zwang anwenden, wird nicht das wilde Losschlagen einer Gruppe
Maskierter sichtbar, sondern das im Vorfeld des Zugriffs abgestimmte
Vorgehen der Bediensteten. Im Zuge der Durchführung der Maßnahme trägt
gerade jeder Kollege explizit Verantwortung für die ihm zugewiesene Aufgabe
und ist zugleich der sozialen Kontrolle der Kollegen ausgesetzt. In dieser
Situation ist nicht der Gefangene der Unterlegene, der durch die Maskierung
zusätzlich eingeschüchtert werden soll, sondern der Bedienstete derjenige,
der sich vor einem aggressiv agierenden Gefangenen körperlich und
perspektivisch auch sozial in Bezug auf das weitere Miteinander mit dem
Gefangenen schützen muss.
Hätte
sich Professor Essler schließlich mit einem wissenschaftlichen, d.h.
wertfreien Blick dem komplexen System Justizvollzug als einem diffizilen
sozialem Gefüge zwischen Gefangenen und den dort tätigen Bediensten
zugewandt, wäre ihm sicherlich nicht entgangen, dass der Alltag beider
Gruppen nicht nur durch Machthierarchie und noch weniger durch Gewalt
bestimmt ist, sondern dass vielmehr Kommunikation für beide Seiten das erste
Mittel der Wahl zur Alltags- und Konfliktbewältigung ist. Es bleibt
unbestritten, dass hier immer auch Verbesserungen möglich sind. Nur auf
diesem Wege ist erreicht worden, dass nicht nur der Gefangene mit den
Bediensteten, sondern ebenso jeder Bedienstete mit den Gefangenen teilweise
über viele Jahre hinweg zurechtkommen kann.
Aus
diesem Grund wird auch im Rahmen der Personalauswahl in besonderem Maße auf
die sozialen und kommunikativen Kompetenzen der künftig im Vollzug tätigen
Bediensteten geachtet, die im Verlauf der Ausbildung zum
Vollzugsbediensteten nicht ausschließlich die Durchführung des
unmittelbaren Zwangs erlernen, sondern auch umfangreiches psychologisches,
sozialpädagogisches und vollzugsrechtliches Wissen erwerben.
Auch
an „Altbedienstete“, jene aus dem DDR-Vollzug übernommenen Kollegen werden
die gleichen hohen Maßstäbe angelegt.
Zum
einen mussten sie sich einer akribischen Prüfung durch die Gauck Behörde
unterziehen und sich mit den in Salzgitter gesammelten Daten konfrontieren
lassen, zum anderen sind sie ebenso Teil des sozialen Systems Justizvollzug
und unterliegen genauso der sozialen Kontrolle durch Vorgesetzte, Kollegen,
Gefangene und nicht zuletzt den Maßstäben des Strafvollzugsgesetzes.
Wäre
Herr Professor Essler nicht dem „Mitmach-Effekt“ der Medien erlegen, hätte
er sicherlich bei wissenschaftlicher Betrachtung des sozialen Systems
Strafvollzug zu einer anderen Einschätzung der hier tätigen Bediensteten
gelangen müssen.
Ulrike Nauenburg
Diplom-Psychologin, JVA Brandenburg a.d.Havel
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